Woher das Beta eines nicht börsennotierten Unternehmens kommt und welche Entscheidungen im Gutachten dahinterstehen.
Kurz gesagt: Eine GmbH ohne Börsenkurs hat kein eigenes Beta. Es wird aus einer Peer Group börsennotierter Vergleichsunternehmen abgeleitet: Betas messen, um die Verschuldung bereinigen, verdichten und auf die Kapitalstruktur des Bewertungsobjekts zurückrechnen. Im Beispiel unten verschiebt ein Beta von 0,9 statt 1,3 den Wert um rund 1,47 Mio. €. Die Peer Group ist deshalb der Baustein, an dem ich ein Gutachten zuerst prüfe.
Basiszins und Marktrisikoprämie kommen aus festen Quellen: der Zinsstrukturkurve der Bundesbank und der Empfehlung des FAUB. Beim Beta gibt es keine solche Quelle. Wer ein Familienunternehmen, eine Holding oder ein Ingenieurbüro bewertet, muss es sich bei börsennotierten Unternehmen leihen. Welche das sind, entscheidet der Gutachter.
Wie wichtig das ist, zeigt ein Fall vor dem Bundesfinanzhof. Im Urteil vom 2. Dezember 2020 (BFH II R 5/19) ging es um den Wert eines GmbH-Anteils für die Erbschaftsteuer. Der BFH verwies die Sache zurück. Das Finanzgericht muss unter anderem klären, ob der im Gutachten angesetzte Betafaktor von 1,3 gerechtfertigt ist.
Aus den Kursen vergleichbarer Unternehmen. IDW S 1 in der Fassung 2026 beschreibt das Beta als Kovarianz der Aktienrenditen mit einem Index, geteilt durch die Varianz des Index (Tz. 118). Fehlen eigene Kursdaten, tritt eine Gruppe börsennotierter Vergleichsunternehmen an ihre Stelle.
Der Weg hat vier Schritte. Erst die Peer Group bilden, dann je Unternehmen das verschuldete Beta messen. Danach wird jedes Beta um die Verschuldung des Vergleichsunternehmens bereinigt (Unlevern). Am Ende steht ein unverschuldetes Beta, das mit der Kapitalstruktur des Bewertungsobjekts wieder verschuldet wird (Relevern, Tz. 120). Typische Werte je Branche zeigt die Übersicht Beta-Faktoren nach Branchen. Für ein Gutachten reicht ein Tabellenwert aber nicht.
Über das Geschäftsmodell, nicht über die Branchenbezeichnung. Ein Unternehmen ist vergleichbar, wenn es seine Umsätze auf ähnliche Weise verdient und ähnlichen Risiken ausgesetzt ist.
Die Größe ist ein schwächeres Kriterium. Börsennotierte Unternehmen sind fast immer größer als das Bewertungsobjekt. Einen pauschalen Größenzuschlag auf das Beta oder den Zins sieht IDW S 1 nicht vor.
In einem Industriemandat aus 2026 sah der Trichter so aus: 30 Kandidaten aus der Datenbank, 11 nach den statistischen Filtern, 7 nach der inhaltlichen Prüfung des Geschäftsmodells. Das unverschuldete Beta lag im Median bei 1,08. Jede Streichung steht mit Grund im Gutachten.
Statistische Aussagekraft und Handelsliquidität. Ein Beta aus einer kaum gehandelten Aktie misst Zufall, nicht Risiko.
| Kriterium | Was geprüft wird | Meine Praxis |
|---|---|---|
| Zeitraum und Intervall | Wie viele Renditen in die Regression eingehen | 5 Jahre monatlich oder 2 Jahre wöchentlich |
| Bestimmtheitsmaß (R²) | Wie viel der Kursschwankung der Index erklärt | sehr niedrige Werte als Warnsignal |
| t-Wert | Ob das Beta statistisch von null verschieden ist | ab rund 2 belastbar |
| Geld-Brief-Spanne | Liquidität der Aktie | über 1 % genauer hinsehen |
| Index | Gegen welchen Markt gemessen wird | breiter nationaler Index je Peer |
Die Grenzwerte in der rechten Spalte sind Erfahrungswerte aus meinen Gutachten, keine Vorgabe des IDW. Entscheidend ist, dass sie im Gutachten offengelegt und für alle Peers gleich angewendet werden.
Den Zeitraum lege ich so, dass er keine Sondereinflüsse wie Übernahmeangebote enthält. Gemessen wird bis zum Bewertungsstichtag, nicht bis zum Tag, an dem das Gutachten geschrieben wird. Kursdaten nach dem Stichtag sind tabu.
Fünf Peers, unverschuldet nach der Formel ohne Fremdkapitalbeta: Beta unverschuldet = Beta verschuldet ÷ (1 + Fremdkapital/Eigenkapital).
| Peer | Beta verschuldet | FK/EK | Beta unverschuldet |
|---|---|---|---|
| A | 1,20 | 40 % | 0,86 |
| B | 0,95 | 10 % | 0,86 |
| C | 1,45 | 80 % | 0,81 |
| D | 1,10 | 25 % | 0,88 |
| E | 1,60 | 60 % | 1,00 |
| Median | 0,86 |
Die verschuldeten Betas reichen von 0,95 bis 1,60. Nach dem Unlevern liegen vier von fünf Peers zwischen 0,81 und 0,88. Ein großer Teil der Streuung war also Verschuldung, nicht Geschäftsrisiko. Hat das Bewertungsobjekt ein Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital von 30 %, ergibt das Relevern 0,86 × 1,3 = 1,12.
Vereinfachung: keine Berücksichtigung eines Fremdkapitalbetas und von Steuereffekten auf die Verschuldung. Welche Anpassungsformel gilt, hängt von der Finanzierungspolitik ab und gehört ins Gutachten.
Bis zu einem Viertel des Werts. Gleiches Unternehmen, 500.000 € nachhaltiges Ergebnis, Basiszins 3,75 %, Marktrisikoprämie 5,25 % (Mitte der FAUB-Bandbreite vor persönlichen Steuern seit 19.10.2026), Wachstumsabschlag 1 %:
| Beta | Eigenkapitalkosten | Zins ewige Rente | Ertragswert |
|---|---|---|---|
| 0,9 | 8,48 % | 7,48 % | 6,69 Mio. € |
| 1,1 | 9,53 % | 8,53 % | 5,87 Mio. € |
| 1,3 | 10,58 % | 9,58 % | 5,22 Mio. € |
Zwischen Beta 0,9 und 1,3 liegen 1,47 Mio. €. Beide Werte lassen sich mit einer passend gewählten Peer Group begründen. Genau deshalb gehören Auswahl, Ausschlüsse und Messparameter dokumentiert ins Gutachten. Wie das Beta mit Basiszins und Prämie zusammenspielt, steht im Beitrag zum Kapitalisierungszinssatz nach IDW S1, die DCF-Variante unter WACC berechnen.
Gegenprüfung: Wenn ein Gutachten nur „Branchenbeta laut Datenbank“ angibt, ohne Peers, Zeitraum und Ausschlüsse, ist das der erste Angriffspunkt. Den Abgleich mache ich im kostenlosen Gutachten-Check.
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Yannick Maar, CVA – unabhängiger Sachverständiger für Unternehmensbewertung. Ihre Anfrage landet direkt bei mir, nicht im Sekretariat.
Als erste Orientierung ja, für ein Gutachten nein. Ein Branchenbeta mittelt Unternehmen mit sehr unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Das Gutachten muss zeigen, welche Vergleichsunternehmen eingehen, warum, über welchen Zeitraum gemessen wurde und welche Peers ausgeschlossen wurden.
Eine feste Zahl gibt es nicht. In meinen Gutachten bleiben nach den Filtern meist fünf bis zehn Unternehmen übrig. Weniger geht, wenn die Peers sehr gut passen und das im Gutachten begründet ist. Mehr Peers mit schlechter Vergleichbarkeit machen das Ergebnis nicht genauer.
Weil jedes Vergleichsunternehmen anders finanziert ist. Das gemessene Beta enthält Geschäftsrisiko und Finanzierungsrisiko. Unlevern trennt das Finanzierungsrisiko heraus, Relevern setzt das des Bewertungsobjekts wieder ein. Im Beispiel wird aus einem unverschuldeten Beta von 0,86 bei 30 % Fremd- zu Eigenkapital ein Beta von 1,12.
Ja, und im Streitfall auch das Finanzgericht. Im Verfahren BFH II R 5/19 musste das Finanzgericht unter anderem klären, ob der angesetzte Betafaktor von 1,3 gerechtfertigt ist. Ein Beta ohne nachvollziehbare Herleitung ist deshalb ein häufiger Grund für Rückfragen.